Personalisiertes Lernen - Vom passiven Informationskonsumenten zum aktiven Wissensproduzenten

In den Diskussionen um die Begriffe „Wissensgesellschaft“ und „Bildungsgesellschaft“ werden Studierende häufig als eine Art „Inputfaktor“ für die Fabrik „Hochschule“ betrachtet. Vereinfachend lässt sich der Blick so zusammenfassen: Studierenden trete als unbeschriebenes Blatt in die Hochschule ein und verlassen sie dann nach ein paar Jahren als hochqualifizierte Kandidaten für den Arbeitsmarkt. Doch die Bildungsbiographie eines Menschen beginnt nicht erst mit dem Hochschulstudium, und auch Schule und Kindergarten haben kein Bildungsmonopol! Lassen Sie mich konkret werden.

Vielfältige Medienkompetenz dank Dunstabzugshaube und Liebeskummer

Nehmen wir ein Beispiel: Ich muss den Filter meiner Dunstabzugshaube wechseln. Die Bedienungsanleitung ist beim Umzug verloren gegangen. Wo schaue ich nach? Hier ist häufig YouTube der erste Anlaufpunkt. Ob Autoreparatur oder Crowdfunding, für fast jedes alltägliche Problem findet sich ein Erklärvideo. Was das mit Hochschulen und LMS zu tun hat?

Studierende haben bereits lange vor ihrem Eintritt in die Hochschule vielfältige, digital basierte Lernmethoden entwickelt. Im Mathematikunterricht arbeiten sie mit interaktiven Diagrammen, die neuesten Musiktrends verfolgen sie über Streaming-Dienste wie Deezer oder Spotify; statt von den Fernseh-Nachrichten lassen sie sich das Weltgeschehen auf dem YouTube-Kanal von LeFloid erklären, und bei Liebeskummer gibt es Rat auf Facebook oder in der Whatsapp-Gruppe. Kurzum, Studierende verfügen von Anfang über vielfältige Medienkompetenzen, die auch Hochschulen nutzen sollten.

Medien ergänzen sich mit ihren jeweiligen Stärken

Denn Medien haben unterschiedliche Stärken, funktionieren verschieden und sprechen Adressanten auf vielfältige Weise an: Richtig angeboten ergänzen sich Text, Bild, Audio und Video mit ihren jeweiligen Stärken, Inhalte und Wissen zu transportieren. (Wer schon mal den Filter einer Dunstabzugshaube nur nach Textbeschreibung aus dem Internet gewechselt hat, weiß, wovon ich spreche – da sagt ein Bild wirklich mehr als tausend Worte). Bildungswissenschaftler sprechen hier von unterschiedlichen semiotischen Ressourcen, die sich ergänzen und gegenseitig aufwerten.

Vielfalt des Lernens sorgt für maximalen Lernerfolg

Gleichzeitig sorgt der Einsatz unterschiedlicher Medien für Vielfalt des Lernens, denn Studierende haben unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten und -präferenzen. Mancher lernt gerne klassisch aus Büchern, der andere zieht digitale Texte am Bildschirm vor. Mancher lernt über das Hören und mag Podcasts, viele aber schätzen Lernvideos (wie eine schwedische Studie zeigt, nutzen Studierende in den Computerwissenschaften sogar häufiger Videos zum Erwerb von Wissen als Texte). Personalisiertes Lernen (zur Definition siehe den Blog-Beitrag: „One size fits all“ ist überholt: Hochschulen werden Dienstleister für personalisiertes Lernen“) unterstützt Studierende also dabei, ihre Fähigkeiten optimal zu entwickeln. Dabei regt ein modernes LMS Studierende darüber hinaus an, sich und ihre Fähigkeiten in den Lernablauf einzubringen. Das hat für Studierende mehrere Vorteile.

Welche Vorteile haben Studierende von personalisiertem Lernen?

Zum einen verbessert personalisiertes Lernen die Zugänglichkeit und Teilbarkeit von Wissen. So können beispielsweise Studierende in Gruppen mittels LMS jederzeit Handyfotos von selbst gemachten Skizzen mit ihrer Lerngruppe teilen oder auch von anderen zur Verfügung gestellte Medien diskutieren. Das ist den meisten aus ihrem Alltag mit Facebook, Twitter oder Snapchat vertraut. Ein modernes LMS bietet daher ähnliche Interaktionsformen wie die bekannten Interaktionsplattformen. Darüber hinaus macht personalisiertes Lernen den Lernfortschritt für den Studierenden jederzeit sichtbar – inklusive Feedback durch den Lehrenden. Sieht der Studierende, dass ihm bestimmte Inhalte fehlen oder dass er sie nicht in der vorgesehenen Zeit bearbeiten konnte, kann er gezielt auf bereits behandelte Lernmaterialien zurückgreifen oder Unterstützung durch seine Peers und Lehrende anfragen.

Zeit- und ortsunabhängig im eigenen Tempo lernen

Personalisiertes Lernen macht den Lernprozess zudem zeit- und ortsunabhängig. Das kommt Studierenden mit Kind oder neben dem Beruf Studierende entgegen, denn sie können Lerninhalte oft erst abends nutzen. Hinzu kommt die zunehmende Ergänzung des Studiums durch Praktika, denn hier ist großer großer Bedarf nach ortsunabhängigem Lernen entstanden. Ähnliches gilt für internationale Studiengänge, die an verschiedenen Orten durchgeführt werden. Und sportliche Studierende schätzen beispielsweise die Möglichkeit, im Sportstudio einen Lern-Podcast oder ein entsprechendes Video zu nutzen – von der Play-List zur Learning-List.

LMS unterstützt unterschiedliche Lernstile

Ein weiterer großer Vorteil des personalisierten Lernens: Es erfolgt stets im eigenen Tempo und unterstützt unterschiedliche Lernstile. Pausen oder Wiederholung sind jederzeit möglich und das auch auf ganz verschiedenen Endgeräten. Besonders effizient wird das Lernen dann, wenn vorherige Erfahrungen und Interessen berücksichtigt werden können: Wie bei Amazon, Netflix und Co. können Tests oder andere bereitgestellte Informationen den Weg des Studierenden durch unterschiedliche Lernmaterialien steuern. Das motiviert Studierende und macht Lerninhalte relevant.

Was müssen Studierende tun?

Und was wird von den Studierenden gefordert? Personalisiertes Lernen involviert Studierende! Vorbei sind die Zeiten des passiven Konsums von Lerninhalten wie beim Nürnberger Trichter. Studierende übernehmen Verantwortung für ihren Lernfortschritt, kollaborieren mit Lehrenden und anderen Studierenden und werden so zu aktiven Wissensproduzenten.

Es lebe das Lernen – Was ist Ihre Meinung? Wir von Canvas suchen den Dialog. Gerne würde ich Sie daher einladen, in einer unserer Veranstaltungen mehr über Canvas zu erfahren. Sie können mich gerne auch direkt kontaktieren, meine Kontakdaten finden Sie auf LinkedIn.

 

Manuel Nitzsche
Regional Director, DACH